Kinderwunsch

Eine Aufstellung beim Tagesseminar

von Ralf E. F. Lemke

DCF 1.0

Warum bleibt der manchmal unerfüllt?

„Wir lieben uns. Wir wollen gern Kinder, nicht nur eines. Und es klappt seit Jahren nicht.“

Ich frage natürlich nach dem organischen Befund. „Alles in Ordnung, wurde uns gesagt.“

So geraten junge Paare dann oft in die Fänge der Reproduktionsmediziner. Ich schreibe das bewusst so deutlich, denn wer sich eingehender damit beschäftigt, der merkt schnell, dass diesem Medizinzweig ein ganz primitives mechanistisches Weltbild zu Grunde liegt. Teile rausnehmen, zusammenbauen, einsetzen. Der Mensch als spürendes, fühlendes, seelisch-geistiges Wesen kommt darin nicht vor.

Und so ist es kein Wunder, dass nicht wenige Paare nach einiger Zeit der Behandlung sich genauso -nämlich wie Apparate- fühlen, die Embryos produzieren sollen. Manche brechen dann die Behandlung ab, um sich ihre Würde als Menschen wieder zurückzuholen.

Bleiben wir uns bewusst: Die Zeugung von Kindern ist der großartigste, der schöpferischste Akt, zu dem wir Menschen überhaupt fähig sind.

Nach meiner Erfahrung lohnt sich bei unerfülltem Kinderwunsch ein Blick in die Familiengeschichte.

Sara sitzt in meiner Praxis und wir schauen, wie das Thema Kinder und Kinder bekommen und was damit noch so zusammenhängt in ihrer Familie gelebt wurde.

Auf den ersten Blick ist alles normal: Ihre Mutter hat zwei Kinder bekommen, ihre Oma (die Mutter der Mutter) auch. Allerdings hatten beide -und auch die einzige Schwester der Mutter- danach Operationen, wo je die Gebärmutter entfernt wurde.

Ich frage nach dem Geburtsjahr der Oma. 1940.

Da befinden wir uns in der Zeit des zweiten Weltkrieges, eine Zeit, die, wie wir wissen, über die Familiengeschichten noch heute bedeutsam präsent ist. Die Familie von Saras Oma stammt aus Pommern und wurde von dort vertrieben. Die Uroma musste mit beiden Mädchen fliehen. In den Erzählungen der Oma ist diese Zeit eine ewige Wunde. Ach ja, und die Schwester der Oma hatte mehrere Fehlgeburten und starb auch schon mit Anfang Dreißig.

An dieser Stelle kommt mehr Energie in unser Gespräch. Sara erzählt, wie das Thema Vertreibung sie immer total mitnehme. Besonders wenn im Fernsehen gezeigt werde, wie Familien auseinandergerissen und Kinder von ihren Eltern weggenommen werden, könne sie kaum hinsehen.

Aus einer Eingebung heraus frage ich Sara, wann die Schwester der Oma geboren wurde. Die Antwort kommt unerwartet, ob des Altersunterschiedes: 1926 schon. Dh das Mädchen war etwa 19 als sie vertrieben wurden, das attraktivste Alter.

Wir können uns auf Grund vieler Berichte ausmalen, was diesem Mädchen wohl passiert ist auf der Flucht. Da erscheint es verstehbar, dass sie später nur Fehlgeburten hatte und zeitig starb.

Wir scheinen eine Linie gefunden zu haben und beschließen, eine Aufstellung zu machen. Vorher frage ich Sara noch, was sie beruflich mache. „Mit Früh- und Neugeborenen arbeiten.“ Ist das ein Zufall?

Bei der Aufstelllung wählt Sara aus den anwesenden GruppenteilnehmerInnen einige als Stellvertreter aus – für sich selbst, für den Wunsch nach einem Kind, für ihre Mutter, später auch für die Oma und ihre Schwester. Dann stellt sie sie im Raum auf, so wie es gerade ihrem inneren Bild entspricht.

Die Stellvertreter nehmen wahr, wie es ihnen an diesem Platz ergeht, was sie fühlen und spüren. Wenn sie die Tendenz zu einer Bewegung haben, können sie der jeweils langsam nachgehen. So enstehen Bilder der inneren Dynamik des Systems.

Bei Saras Aufstellung ist am augenscheinlichsten, dass recht bald „Sara“ und die „Oma“ eng nebeneinander stehen, entfernt von den anderen, und sich sogar gegenseitig stützen. Der „Kinderwunsch“ interessiert „Sara“ überhaupt nicht. Ihre Energie ist hier -an der falschen Stelle- gebunden. Erst als die „Schwester der Oma“ erscheint und an beide herangeführt wird, gibt „Sara“ den Platz an der Seite von „Oma“ langsam frei.

Doch noch immer bleibt sie nahe stehen, als ob sie die beiden bewachen müsste. Deshalb rege ich an, den „Krieg“ dazuzustellen, eine Realität, die Saras Leben deutlich von dem der Großelterngeneration unterscheidet.

Die „Schwester der Oma“ geht beschwert zu Boden, bleibt aber wach. Spontan bedankt sich „Oma“ bei ihrer „Schwester“ für das, was diese für sie getan hat. Die Schwere der Ereignisse in der Luft ist mit Händen zu greifen.

Dann erzählt „Oma“ ihrer „Schwester“, dass das Leben weitergegangen ist: „Ich habe eine Tochter. Und sogar eine Enkelin, Sara.“ Die „Schwester“ ist erleichtert.

„Sara“ genauso wie die echte Sara haben all dies aus sicherer Entfernung mit angesehen.

DSC_0180Ich rege Sara an, noch einmal etwas näher zu gehen und mit einer Verneigung den beiden aus der Großelterngeneration die Achtung zu erweisen und zugleich deren Schicksal in Würde ganz dort zu lassen.

Sara tut das, in ihrer Art, sie geht auf die Knie dabei.

Dann -und es ist das erste Mal in dieser Aufstellung!- gehen ihre Augen spontan zum Kinderwunsch. Jetzt erst(!) kommt er wirklich in ihren Blick. Jetzt erst ist sie dafür frei.

Sie geht näher – und mit ihrem „Mann“ an der Seite schauen beide eine ganze Weile gerührt dorthin.

„Jetzt kann es schön werden.“, sagt sie zart zu ihm.

„In der Seele an die Liebe rühren“ hat Bert Hellinger einmal zum Aufstellen geschrieben. Wo das gelingt, ist ein Samen gelegt