Abtreibung – der Schmerz des Abschieds

Arbeit mit dem besik®-Halten
von Ralf E. F. Lemke

DSC_0095Mit 18 war Lena schwanger, mitten in der Ausbildung. Sofort war ihr klar: Das geht nicht. Das schaffe ich nicht, nicht unter diesen Umständen.

Mit dieser Entschlossenheit zog sie die Abtreibung durch. Alleine. Auf die Eltern war nicht zu bauen, und der Vater des entstehenden Kindes hatte beim Bekommen der Freudenbotschaft die Freundschaft gekündigt.

Die Abtreibungsambulanz war ein Graus. Mehrere Frauen lagen nebeneinander und warteten, dass die zunächst verabreichten Mittel wirkten. Dann ging alles ziemlich schnell: Embryo raus, weggeworfen, Frau raus, Danke.

Doch Lena stand zu ihrer Entscheidung.
Nur der kleine Zettel, den ihr der Frauenarzt beim Feststellen der Schwangerschaft gegeben hatte, dieser Zettel, er blieb in ihrem Portemonaie: „6. Woche“.

Das Leben ging weiter.

Heute, zwei Partnerschaften später und mit drei gesunden Kindern an der Hand, sitzt Lena vor mir und erinnert sich an diesen Zettel. Und sie merkt, wie sehr ihr Herz noch mit dieser kleinen Seele, die da damals durch sie auf die Welt kommen wollte, verbunden ist. So klar der Kopf auch war – das Herz sprach etwas anderes.

Jetzt will Lena etwas nachholen, was damals zu kurz gekommen ist: die Trauer über die Trennung und das würdige Verabschieden dieser kleinen Seele.

In meiner Arbeit des besik®-Haltens gibt es eine besondere Form für solche Trennungs- und Trauerprozesse. Wir haben sie Trauerhalten genannt.

Wer diesen Prozess durchgehen will, bringt jemanden, dem er oder sie vertraut, als seinen Begleiter oder seine Begleiterin mit. Nicht alleine zu sein mit seinen Gefühlen, jemanden mit Ruhe und Verständnis und Mitgefühl an der Seite zu haben, macht uns Mut, stärkt, gibt Halt. Wenn der Begleiter oder die Begleiterin dann tatsächlich noch „hält“, also den Arm um die Schulter legt oder sich stärkend in den Rücken setzt oder uns ganz umarmt -also uns neben dem seelischen Beistehen auch körperlich unterstützend nahe ist-, so fühlen wir uns geschützter und geborgener.

Die Ruhe des Begleiters vermittelt Sicherheit, sein Mitfühlen zeigt, dass unser eigenes Fühlen, hier die eigene tiefe Trauer, in Ordnung ist.

Wir können uns fallen lassen. Wir können das Schlimme und Schmerzhafte abfließen lassen. Wir können uns würdig verabschieden. Und so kehren wir von dieser Innenreise mit neuer Kraft und dem Leben neu bzw. mehr zugewandt zurück.

Üblicherweise hat das besik®-Trauerhalten drei Fasen: Wir erinnern zuerst die damalige schlimme Situation und können die damals unterdrückten Gefühle jetzt in Bewegung kommen lassen – den Zorn, die Angst, die Trauer, vielleicht auch die Wut. Das ist wichtig, damit wir uns nicht länger als ohnmächtig empfinden.

Im zweiten Schritt stellt man sich vor, wie ein Abschied, eine Trennung ausgesehen hätte, die hilfreich, liebevoll, würdig und angemessen gewesen wäre. Dies ist heilsam, weil sich hier unser Herz öffnet bzw. weitet und so die Liebe wieder neu in ein Fließen kommen kann. Das verändert uns.

Und so imaginieren wir im dritten Schritt, wie wir nun so verändert dem andern neu begegnen. Denn gerade bei Verstorbenen oder weit weg Gezogenen ist eine reale Begegnung nicht mehr möglich. Aber wir haben gute innere Bilder, wo diese Menschen sind und wo wir sie treffen. In dieser virtuellen Begegnung entsteht dann oft das, was wir Annahme nennen, ein Aussöhnen mit dem Schicksal, so wie es uns widerfahren ist. Ohne Hader und ohne unterdrückte Gefühle.

Mit dieser Form des besik®-Haltens also wollten wir, Lena und ich, nun ihren Abschied von dem abgetriebenen Kind bearbeiten. Wir sollten etwas erleben, dass uns beide überraschte.

Lena kam mit Marie als ihrer Begleiterin. Sie wollte sich gern auf die Matte legen und Marie in ihrem Rücken liegen haben. Marie war einverstanden und gern bereit.

Nach einer Zeit der Vorbereitung (die unbedingt dazugehört) erinnert Lena die ganze Geschichte der Abtreibung. Einzelne Szenen kommen plastisch vor ihre Augen: der Zettel des Doktors, die sofortige Klarheit im Kopf, der Gang zur Ambulanz, die vielen Frauen dort, die Schmerzen, die Wut auf die kalte Atmosfäre, das allein plötzlich wieder draußen Stehen. Und wieder der Zettel, ihr Herz… Sie wird traurig. Marie hält sie. Teilnahmsvoll.

Wir machen eine Pause.

Ich überlege, wie es nun weitergeht. Jetzt käme der selbstgestaltete würdige Abschied. Aber wie kann der bei einer Abtreibung aussehen? Kann es den überhaupt geben? Und wie geht es danach weiter? Wo und wie kann man die kleine Seele treffen?

Die Fragen stellen sich – und gleichzeitig weiß ich, der Körper hat seine eigene große Weisheit. Der können wir uns anvertrauen. Und es zeigt sich, dass das gut so ist.
Lena hat sich wieder hingelegt – genau in der gleichen Haltung wie vorher. Sie nimmt Kontakt mit ihrem Inneren auf…

Plötzlich sagt sie: Ich glaube, es ist noch sehr klein.
Ich frage, was das heißt.
Na, so etwa drei bis vier, lautet die Antwort.

DSC_0540Behutsam begleite ich Lena bei ihrem Erleben. Auf einmal sieht sie, wie „ihr“ Kind eine neue Mama hat, bei der es nun lebt. Ihr Atem wird ruhiger. Sie kann das Bild gut sehen. Ich ermutige sie, noch eine Weile dabei zu bleiben. Schließlich sagt sie: Ich merke, ich bekomme langsam mehr Abstand. Auch bei dieser Erkenntnis verweilt sie etwas. So bleibt Zeit, dass es in den Körper sinken kann.

Schließlich öffnen sich ihre Augen, sie schauen sich um.

Für heute ist es gut. Ein großer Schritt ist getan. In ihr wird es weiter arbeiten.

Auch mich beschäftigt das Erlebte noch. Ich weiß aus meiner Arbeit, wie etwas, das zu Ende gegangen ist, aber innerlich noch nicht verabschiedet wurde, weiter wirkt.

Zum Beispiel eine erste Liebe, die sich dann trennte. Oft bleibt bei der oder dem Verlassenen eine Sehnsucht im Herzen. Sie finden einen neuen Partner, sind aber gar nicht offen für ihn. Ihr Herz hängt noch am ersten. Der oder die schläft sozusagen unsichtbar in der Bettritze mit. Das beeinträchtigt natürlich die Beziehung.

Genauso geht es oft Eltern, die ein erstes Kind verloren haben und wo nicht ausreichend Raum für einen Abschied in Anerkennung des Schicksals war. Die folgenden Kinder spüren, dass ihre Eltern nicht ganz da sind.

Wenn wir dies nun auf der Seelenebene weiter denken, angenommen, es gäbe eine Art Seelenwanderung: Eine Mutter entscheidet sich zur Abtreibung, bleibt aber zugleich innerlich, seelisch, mit dem Kind, der Kindseele, verbunden -im Schamanischen spricht man hier von Seelenanteilen, die weggehen oder anhaften- inwieweit wirkt sich das auf die Beziehung der Kindseele zu ihrer nächsten, neuen Mutter aus?

Spannende Frage, finde ich.