Von • 26.06.19

Männer-Bedürfnisse

Ein systemisch arbeitender Kollege lud mich neulich ein, im Rahmen einer Weiterbildung „Männerberatung“ ein Seminar über Emotionen zu halten. Männerberatung – ist die so angesagt?, war meine Frage. Aber ja, mehr als je zuvor!, lautete die Antwort.
Wie kommt das?

Sind Männer heute schwächer geworden? Sind wir labiler oder verunsicherter in Rollenbildern? Ganz ehrlich, ich glaube, dass wir im Grunde genauso normal sind (im großen Rahmen des normalen) wie unsere Väter – und unsere Söhne ebenso. Aber – das wurde mir im Nachdenken klar – was sich drastisch geändert hat, sind unsere Umweltbedingungen.

Dazu sind jetzt vor kurzer Zeit zwei interessante Artikel erschienen. In einem schrieb Joachim Gauck, dass der Liberalismus in den letzten Jahrzehnten zu erfolgreich geworden sei. Mit anderen Worten: wir haben zu viel Freiheit. Das klingt zunächst paradox – aber Freiheit ist anstrengend.
Ich kann – aber ich muss eben auch – ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen.
Neben vielfältigsten Freizeitangeboten (was man ja als Vergnügen ansehen kann) sind Männer zunehmend in der Familie und bei der Betreuung der Kinder gefragt. Dazu stehen wir oft verantwortlich im Beruf, wo ebenso eine (Über-)Fülle an Entscheidungsprozessen auf uns wartet. Wie gesagt, so schön die Fülle der Möglichkeiten ist, sie macht Stress. Zunehmend.

Ein weiteres Thema ist das immer rasantere Tempo. Ein Wirtschaftswissenschaftler (dessen Name ich leider vergessen habe) schrieb, dass der Kapitalismus die Demokratie überrollt habe. Gemeinschaften, Staaten, kommen mit ihren Entscheidungsprozessen schlicht nicht mehr hinter dem Tempo an Innovationen hinterher. Ich meine, das können wir direkt auf die eigene Psyche übertragen. Wir müssen oft so schnell reagieren, dass wir es nicht schaffen, die eigene innere Stimme zu hören. Es bleibt ein Gefühl des Zuviel, der Überforderung. Man(n) wird sich selbst fremd.  

Aber jammern hilft nicht, es sei denn, um sich im eigenen Elend zur Selbstbestätigung zu suhlen (was dann schon wieder eine stabilisierende Konstante wäre). Wir brauchen – heute mehr als je zuvor – die Fähigkeit zur Selbstbesinnung und Selbstwahrnehmung.

Was bin ich? Was kann Ich? Wo sind meine Grenzen? Wo investiere ich meine Kraft? Was lege ich weg? Was ist noch leistbar, was ist zu viel? Wo liegen meine Prioritäten? Wo habe ich Verantwortung – und wo kann und muss ich sie abgeben? Was erfüllt mein Herz? Was macht mich zufrieden? Wo fühle ich mich gebraucht und wertvoll? Wo darf ich ICH sein?  

Wir haben Verantwortung für unsere eigenen Bedürfnisse! Und insofern ist es gut und angemessen und not-wendend, dass es besondere Orte und Angebote für Männer gibt (genauso wie Frauen ihre haben sollten).

Ralf E. F. Lemke