Von • 12.05.20

„Gute soziale Bindungen halten gesund…“

Ein Zitat aus dem Buch: „Placebo 2.0 – Die Macht der Erwartung“.


Es mag zunächst erstaunen, dass in einem Buch über Placebos von sozialen Bindungen die Rede ist. Für mich war es der Anlass, mir dieses Buch zuzulegen.

Doch gehen wir der Reihe nach.

Placebo – das Medikament, das wirkt ohne Wirkstoff.

Immer noch wird von Placebos eher abschätzig berichtet; oft schwingt ein „nur ein Placebo“ in der Stimme mit.

Dabei sind Placebos äußerst spannend. Beziehungsweise die Frage, die dahintersteht, ist: Was wirkt denn da eigentlich? Was ist es denn, was uns gesund erhält – oder heilt, wenn wir krank geworden sind?

Und wie genau soll denn das funktionieren?

Damit befasst sich dieses Buch von Ulrike Bingel, Manfred Schedlowski und Helga Kessler. Es fasst den Stand der Forschung zusammen – und das ist sehr interessant.

Als Beispiel greife ich hier die Ergebnisse einer Studie zum Thema Schmerz heraus:

22 gesunde Testpersonen wurden einem kurzen Hitzeschmerz ausgesetzt. Sie sollten die gefühlte Schmerzintensität bewerten auf einer Skala von 1 = kein Schmerz bis 100 = ganz starker Schmerz.

Im ersten Durchgang erhielten die Testpersonen vor dem Schmerzreiz intravenös eine Infusion mit Kochsalzlösung. Die Schmerzintensität bewerteten sie dabei im Durchschnitt mit 66.

Im 2. Durchgang erhielten die Leute wieder eine Infusion – diesmal mit einem hochwirksamen Schmerzmittel. Allerding wurden sie nicht darüber informiert, dass es diesmal ein Schmerzmittel war: durchschnittliche Schmerzintensität 55.

Im 3. Durchlauf wurde ihnen vorhergesagt, dass sie nun das Schmerzmittel erhielten. Daraufhin wurde derselbe Schmerzreiz nur noch mit einer Intensität von 39 empfunden.

Das heißt, allein die Information hatte die Wirksamkeit des Schmerzmittels mehr als verdoppelt!

Es gab noch einen 4. Durchgang: Den Menschen wurde vorab mitgeteilt, dass sie das Schmerzmittel nun nicht mehr bekämen – trotzdem wurde es ihnen aber verabreicht.

Gefühlte Schmerzintensität jetzt: 64! Also fast der gleiche Wert wie am Anfang!

Während des Tests lagen die Probanden übrigens in einem Magnetresonanztomografen (MRT), wo die Gehirnaktivität beobachtet werden konnte. Im 4. Durchgang steigerte sich die Aktivität im Hippocampus, einem Gehirnareal, das mit Gedächtnis und Angst assoziiert ist.

Das reichte aus, um die Wirkung des Medikaments quasi zu annullieren!

Wenn wir uns nur die Ergebnisse dieser einen Studie anschauen – und solche Studien werden im Buch viele zitiert – so wird verständlich, warum der Buchtitel auch lautet: „Die Macht der Erwartung“. Hier wird durch modernste Naturwissenschaft bestätigt und mit Details untermauert, was der Volksmund und Erfahrungswissenschaft schon lange tradieren: Unsere inneren Einstellungen und Denkmuster entscheiden wesentlich mit darüber, wie gesund unser Körper ist.

Auch zeigt das Buch, wie durch neues Lernen in der Tat auch neue Erwartungen und Einstellungen gelernt werden können.

Bei mir trifft das Buch zwei Lebenswirklichkeiten:

Zum einen lese ich es gerade im März und April 2020, in einer Zeit, in der unentwegt ein Gewitter aus angsteinflößenden Nachrichten über das Corona-Virus über uns ausgegossen wird. Und es lässt sich gut beobachten, wie diese Flut von Zahlen (die ein Laie nicht einordnen kann), Grafiken mit ansteigenden Infektionskurven (natürlich steigt die Kurve, von jeder Krankheit gibt es immer mehr) und gruseligen, aus dem Zusammenhang gerissenen Bildern, ihre Wirkung entfaltet. Auch ich benötige Zeit, um mich immer wieder zu zentrieren.

Wenn ich dieses Buch ernst nehme, dann muss ich fragen: Welcher Nocebo-Effekt (= negativer Placeboeffekt) wird mit diesen Nachrichten erzeugt? Oder anders: Bei wie vielen Menschen wird jetzt die Furcht vor der Krankheit dazu führen, dass ihr Immunsystem schwächer und damit gerade anfälliger für Corona wird?

Zum anderen berührt das Buch meine Arbeit: Denn wie soll ich manchmal erklären, was Emotionalarbeit bringt? Dass sich die Selbstwahrnehmung verbessert. Dass der Zugang zum eigenen Fühlen tiefer wird. Dass eigene Bedürfnisse feiner in den Blick kommen. Dass durch die Emotionen auch der Zugang zur eigenen Kraft und dadurch zur Lebensfreude fließender wird. Dass innere Zufriedenheit wächst. – Dies alles klingt manchmal so abstrakt, die Worte wirken so groß.

Mit diesem Buch werden die Begriffe konkret und fassbar: Schau, da und dort, in deinem Immunsystem, in deinen Hormonen, in deinem Nervensystem sind konkrete Veränderungen sichtbar und messbar! Wir sprechen von mehr als „nur“ seelischen Problemen und Lösungen – wir sprechen von deinem konkret körperlichen mehr kranken oder mehr gesunden Sein in dieser Welt!

Es ist nicht so, dass ich in der Wahrnehmung der Wirkungen unserer Arbeit mit Emotionen und Aufstellungen auf solche Bücher angewiesen wäre – zu deutlich sind die Rückmeldungen von KlientInnen und SeminarteilnehmerInnen – und trotzdem freue ich mich, dass medizinisch-naturwissenschaftliches Forschen meine Erfahrungen bestätigt.

Die AutorInnen scheinen manchmal von den Ergebnissen ihrer Studien selbst überrascht zu sein und versuchen, die Tragweite ihrer Erkenntnisse einzugrenzen, auf die Unterstützung medikamentöser Behandlung. Wenn man das schmunzelnd beiseitelässt, kann man das Buch mit großem Gewinn lesen und man beginnt, die eigenen Erwartungen, sowohl im Hinblick auf heilende Behandlungen als auch im Hinblick auf Beziehungen oder das Leben insgesamt wacher wahrzunehmen.

Es gibt auch ein Kapitel über Resilienz oder die „innere Apotheke“. Darin heißt es u.a.: „Wie gut wir sozial eingebunden sind in die Familie, in Freundeskreise sowie in die sozialen Beziehungen im Arbeitsumfeld, … hat auch ganz entscheidende Auswirkungen auf unsere psychische und körperliche Gesundheit.“ (S. 173 und 175)

Es wird eine Studie zitiert, in der 300 gesunde Personen gezielt mit Erkältungsviren infiziert und anschließend die auftauchenden Symptome genauestens protokolliert wurden. Es gab ein eindeutiges Ergebnis: „Die Personen, die ein gut funktionierendes soziales Netzwerk hatten… erkrankten wesentlich seltener im Vergleich zu den Personen, bei denen das soziale Netzwerk nicht gut ausgeprägt war.“ (S. 175)

Es ist so fundamental für unsere Gesundheit, dass wir gute Beziehungen erleben und dann auch selbst leben, dass wir Vertrauen entwickeln können und dann auch anderen entgegenbringen, dass wir fröhliche Erfahrungen machen, die uns vom Leben Gutes erwarten lassen, und dass wir bei Grenzerfahrungen Begleitung erleben, die uns beim Überwinden und Wiederaufstehen hilft!

Ich lese dieses Buch daher auch als große Ermutigung.

Das Buch ist ausleihbar in der DISA-Bibliothek, erschienen ist es 2019 in Zürich.



Ralf E. F. Lemke

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